Meine Reise 2011 ins tibetische Exil



Meine Reise 2011 ins tibetische Exil


Meine Reise 2011 ins tibetische Exil
Elisabeth Zimmermann
November 2011

Die vollständige Fotoreportage dazu finden Sie [hier].

Heuer war es das 18. Mal, dass ich mit meinem Mann nach Dharamsala und in andere Orte im tibetischen Exil in Nordindien gereist bin. Ich brauche nicht mehr zu erwähnen, dass ich dort fast wie zu Hause bin und wie viel Freundschaft uns entgegengebracht wird. Nun ist mein Körper wieder hier in Wien, aber meine Gedanken und mein Herz sind in Dharamsala geblieben. Das wurde heuer besonders durch die schrecklichen Selbstverbrennungen ausgelöst, diese spürbare hilflose Verzweiflung, die alle ergriffen hat. Was müssen die Tibeterinnen und Tibeter in ihrem Heimatland erdulden, dass sie zu solch grausamen Opfern sich selbst gegenüber bereit sind?

Besuch des neuen Kalon Tripa - zu den Fotos

Gleich zu Beginn meines Aufenthaltes hatte ich Gelegenheit, den neugewählten Ministerpräsidenten Dr. Lobsang Sangay zu treffen, der anlässlich eines Treffens des ITSN (International Tibet Support Group Network) ins Kinderdorf kam. Diesem Network gehören auch wir an, unser Vizeobmann Lobsang Gyalpo war seinerzeit Mitbegründer dieser Organisation. Der neue Führer der demokratischen tibetischen Exilregierung ist ein sympatischer, lockerer Tibeter, der in Amerika internationales Recht studiert hatte. Ich wurde ihm von dem Generaldirektor der Kinderdörfer, Herrn Tsewang Yeshi, vorgestellt, und er hatte gleich eine Anekdote zu erzählen: er war dereinst einmal in Wien und hat sogar bei uns in der Lobenhauerngasse übernachtet! Demnach könnten wir gleich an unserem Haus eine Plakette anbringen …

Er strebt eine Aktivierung des Kashag (tibetisches Parlament) an. Er wird viel unterwegs sein, ebenso, wie es der Dalai Lama ist. Er ist für einen friedlichen Weg und sucht keine verletzenden Konfrontationen mit anderen. Er wird in viele Teile Indiens reisen, tibetische Jugend und Studenten vor Ort besuchen, den Kontakt zu Indien verstärken. Er sprach auch über den globalen Aktionstag am 19. Oktober mit Fasten und Gebet im Namgyal Tempel in Dharamsala, aber auch über die 4 Tage Hungerstreik, die Lichterprozessionen und tagelange Gebete in Delhi, die von vielen Tibetern getätigt wurden. Zu diesem Zeitpunkt waren es bereits 8 tibetische Mönche, die sich heuer selbst verbrannt hatten. Er selbst wollte so viele Botschaften wie möglich in Delhi aufsuchen, um über die verzweifelte Lage in Tibet zu informieren, und Pressekonferenzen abhalten. In Delhi waren es tausende Tibeter, die sich versammelt hatten.

Nach ihm sprach noch ein Mönch aus dem Kloster Kirti, der mit dem Mutterkloster in Tibet eng in Verbindung steht. Er sagte, dass die Tibeter diese Selbstverbrennungen unternehmen, weil sie sich auf die Außenwelt verlassen (müssen), damit Tibet und seine Probleme Beachtung finden. Das heißt, dass wir verantwortlich sind, diese Zustände von Tibetern in Tibet zu beachten und öffentlich zu machen. Wir alle haben die Verantwortung diesen Menschen gegenüber, ihnen Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Es ist eine internationale Sache geworden! Eine wichtige Forderung von allen Nationen sollte sein, FACT FINDING DELEGATIONS nach Tibet zu entsenden. Dagegen dürfte eigentlich die chinesische Führung nichts haben, wenn sie nichts zu verbergen hat.

51. Anniversary 2011 - zu den Fotos

Durch die schrecklichen Vorkommnisse in Tibet wurde das heurige Anniversary abgesagt. Wie kann man feiern, wenn sich im Heimatland Landsleute aus Verzweiflung selbst entzünden. Es war seltsam, alle die Vorbereitungen, die wir üblicherweise zu beobachten gewohnt waren, zu vermissen. Keine Fanfarenübungen, die man schon morgens wahrnahm, keine Bemalung der Straße mit den 8 Glückssymbolen, keine bunten Fähnchen entlang der Straße, keine Übungen der schwierigen Kalisthenik- Figuren auf dem großen Sportplatz, keine hektischen Säuberungen des Geländes, der Büros, die ganze normalerweise freudig erregte Stimmung fiel aus. Es wurde kein Dalai Lama erwartet, kein Karmapa.

Es war für meinen Mann und mich eine große Ehre, als uns die Kinderdorfleitung ersuchte, als Ehrengäste bei einer einfachen Zeremonie anlässlich des Gründungstages der Tibetischen Kinderdörfer zu fungieren. In der großen Hermann-Gmeiner-Halle im Upper TCV waren alle jugendlichen Schüler der Senior Section (also 6. bis 12. Schuljahr) versammelt. Zuerst wurden die wenigen vorhandenen Bilder der Selbstverbrennun- gen bzw. die Bilder der Mönche gezeigt, die sich das Leben genommen hatten. Dann wurden wir gebeten, eine große Butterlampe zu Ehren der Märtyrer anzuzünden. Nach einer Rede des Generaldirektors und unseres Freundes, Herrn Tsewang Yeshi, in welcher er SAVE TIBET als zweitwichtigsten Unterstützer und unsere Arbeit besonders hervorhob, hatte ich die Aufgabe, die Ehrungen an diejenigen Mitarbeiter auszuteilen, die 20 Jahre im Dienst des TCV verbracht hatten, sowie die Preise für die besten Schülerinnen und Schüler. Danach hielt mein Mann eine Rede, in welcher er auf das Motto hinwies, welches sich auf der Hermann-Gmeiner- Halle befindet: Come to learn - and go to serve (komme um zu lernen, und gehe hin um zu dienen). Er benutzte diese Gelegenheit, um auf die Nachteile hinzuweisen, die Tibeter erwarten, wenn sie ins Ausland gehen. Auch wir erhielten als Ehrengeschenk eine Thangka. Zum Abschluss sangen alle das Gebet "The word of truth", das S.H. der Dalai Lama komponiert und gedichtet hat. Es war eine würdige und berührende Zeremonie.

Besuch im Altenheim Jampaling - zu den Fotos

Wie jedes Jahr habe ich meinen Geburtstag im Altenheim gefeiert. Jeder bzw. jede von den alten Leutchen bekam wieder ein Taschengeld, das von einer lieben Gönnerin jährlich gespendet wird. 156-mal 200 Rupien (ca. 3 Euro), ergibt gewechselt einen schönen Haufen Geld. Ich hatte diesmal aus besonderem Anlass für jeden einen Muffin in der Bäckerei des TCV backen lassen und mitgebracht, auch diese wurden zuammen mit einem Patzerl der Geburtstagstorte verteilt. Um das Geld, das ich statt Geburtstagsgeschenken von meinen Bekannten und Verwandten sowie von meinem Save Tibet- Team in Wien erhalten hatte, kann ich den alten Leuten nun eine Überdachung im Hof bezahlen, damit sie im Regen beim Essen- anstellen geschützt sind und dort auch essen können, wenn es die Witterung erlaubt. Es gibt nämlich keinen eigenen Speisesaal.

Besuch der Eltern von Dhondup Wangchen - zu den Fotos

Der in Tibet inhaftiere mutige Filmemacher ("Leaving Fear Behind") hatte seinen Film erst gezeigt, als seine Eltern bereits auf einer Pilgerschaft in Dharamsala und auch seine Familie außer Landes war. Nun, da er seine Gefängnisstrafe absitzt, kann seine Familie nicht nach Tibet zurück. Seine Frau Lhamo Tso, eine Stärke ausstrahlende, kleine Person, kämpft für die Freiheit ihres Mannes durch viele Reisen und Appelle. Die internationale Aufmerksamkeit hat immerhin bewirkt, dass Dhondup Wangchen in ein "besseres" Gefängnis verlegt worden ist. Da Lhamo Tso für alle Familienmitglieder sorgen muss, haben wir eine Sammelpatenschaft für ihre Schwiegereltern organisiert, und ihr somit diese Last abgenommen. Wir haben etwas mühsam die "Wohnung" gefunden, bestehend aus einem Zimmer und einem kleinen Verschlag als Küche. Es ist eher ein Loch, keine Luft oder Licht, das Fenster führt auf einen dunklen Gang. Aber immerhin ein Dach über dem Kopf; viele tibetische Flüchtlinge in Dharamsala müssen so hausen. Wir haben das Geld, das im letzten Quartal zusammengekommen war, abgegeben.

Erde aus Tibet - zu den Fotos

Ein besonders beeindruckendes und berührendes Event fand im Upper TCV statt. Ein in Amerika lebender tibetischer Künstler, dessen Vater den einzigen Wunsch hatte, einmal noch tibetische Erde zu berühren, aber leider verstarb, ohne seinen Wunsch erfüllen zu können, brachte unter ungeheurem organisatorischen Aufwand 20 Tonnen tibetischer Erde nach Dharamsala. Nun wurde im Kinderdorf auf dem zentral gelegenen Basketballplatz eine rechteckige, hohe Bühne aufgebaut, deren Ränder mit einem roten Teppich ausgelegt waren. In der Mitte wurde die Erde aus Tibet aufgeschüttet. Der umgebende rote Teppich stellte die chinesische Umklammerung und Besetzung dar. An jeder Seite führten 6 Stufen hinauf (symbolisierend 6 Millionen Tibeterinnen und Tibeter), die Stufen waren 1,5 Fuß hoch (im Gedenken an 1,5 Millionen Tote). Die Stufen waren mit grünem Filz belegt (grün ist die Farbe des Dalai Lama). Durch das Begehen der Besucher und das spätere Herumlaufen der Schulkinder wird der Sand auf den roten Teppich übertragen und dieser somit unsichtbar gemacht - die chinesische Herrschaft über Tibet verschwindet damit …

Es gab natürlich einen Festablauf, der Kalon Lobsang Sangay war wieder anwesend und durfte als Erster die Erde betreten. Danach kamen Mönche mit Gebeten, der ausführende tibetische Künstler, ein Flötenspieler, der die Weite des tibetischen Hochlandes herbeizauberte, dann die Honoratioren, die Angestellten, die Gäste und am Ende die vielen Kinder. Der Dalai Lama konnte nicht teilnehmen, aber er bekam ein Tablett mit der tibetischen Erde, auf welches er mit seinen Fingern das Zeichen für Tibet schrieb. Dieses Tablett wurde wieder ins TCV zurückgebracht. Drei Tage lang durfte niemand Erde wegnehmen, danach konnte sich jeder ein wenig von der Erde seiner Heimat mit nach Hause nehmen. Es gab viele tief berührende Szenen, wenn sich die Tibeter in Prostrationen auf die Heimaterde warfen oder sie andächtig und mit Tränen in den Augen mit ihren Stirnen berührten. Ein starkes Erlebnis.


Über eine furchtbar schlechte Straße, selbst für indische Verhältnisse katastrophal, kamen wir an der TTS (Tibetan Transit School) vorbei zum in der Ebene unterhalb von Dharamsala gelegenen neu gebauten Reception Centre (zum Großteil von Amerika finanziert). Der Bau wurde 2008 begonnen, seit August 2010 ist er in Betrieb. Dort hat man Unterlagen seit 1990 in den Archiven, davor hatte sich das Private Office des Dalai Lama und der Kashag (Parlament) um die Flüchtlinge gekümmert. Durch die steigende Anzahl an Flüchtlingen wurde dann das RC gegründet, mit Zweigstellen in Kathmandu und Delhi. Die Kapazität reicht für 300 Männer und 200 Frauen, also 500 Flüchtlinge. Jedoch durch die seit 2008 verstärkten Grenzkontrollen und die Kooperation Nepals mit China befinden sich derzeit nur 80 Flüchtlinge im Lager. Es gibt hier ein Rehabilitationszentrum, sowohl für den Körper als auch für die Psyche. In der Ambulanz für leichtere Fälle sahen wir teilweise rostige Schrauben aus dem Bein eines Tibeters, damit hätte man ein Auto zusammenhalten können. Noch schlimmer: wegen der Geburtenkontrolle müssen die tibetischen Frauen Spiralen einführen (das gibt es bei uns auch), aber diese sind aus einem Stahl, der mit der Zeit rostig wird, Entzündungen im Unterbauch hervorruft und laut Aussage von Flüchtlingen zu vielen Todesfällen bei Müttern führt. Die teureren Kupferspiralen können sie sich ja nicht leisten. Wir sahen so eine Spirale, die bei einer Uterusentfernung einer Flüchtlingsfrau herausgenommen wurde. Mein Mann (er ist Gynäkologe) hat Fotos gemacht, auch von den erwähnten Schrauben.


Das waren Streiflichter aus meinen ereignisreichen Tagen in Indien. Ich könnte noch viel erzählen, vom Kurzbesuch eines Teachings des Dalai Lama, von meinen Besuchen im Innenministerium, den Spendenübergaben, vom VOT (Voice of Tibet) Radiosender nach Tibet, von den Fahrten zu den Kinderdörfern Gopalpur, Bir/Suja, Chauntra, dem Altenheim in Chauntra, von den vielen wichtigen Besprechungen (in Zukunft wird SAVE TIBET in der Kinderdorfzentrale eine/n eigene/n Betreuer/in haben), von der Behandlung von Beschwerden und Verbesserungsvorschlägen, von den diversen Einkäufen, von den verschiedenen Treffen mit Freunden, unerwarteten Persönlichkeiten, Patenkindern, vom Besuch bei Jetsun Pema (der jüngeren Schwester des Dalai Lama). Ich sollte noch von der Fahrt nach Chandighar, nach Dehradun, von der Begabtenschule in Selakui (wir sind ganz stolz, wir haben 25 überdurchschnitlich begabte Kinder unter SAVE TIBET Patenkindern), berichten, von den ausgezeichneten Handwerkslehrstätten VTC (Vocational Training Centres) in Dehradun, von Mussoorie - sehr anstrengende 4 Fahrttage, jeweils etwa 8 Stunden Autofahrt auf den schrecklichen indischen Straßen - ich müsste eine Sonderausgabe der SAVE TIBET INFO herausgeben …


 
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